Schneckenkapelle - Marienkapelle
Über der Sakristei, erreichbar auf einer Wendeltreppe, liegt eine kleine Kapelle.
,Klein’ allerdings nur im Verhältnis zu den Dimensionen unserer Ulrichsbasilika:
Mit einer Länge von 25m und einer Breite von 8,65m wäre sie eine ganz passable
Dorfkirche. Und ihre Höhe von 17m entspricht immerhin einem 4- bis 5-stöckigen
Wohnhaus. ,Schneckenkapelle’ heißt dieser Teil unserer Kirche, der auch vielen
alten Ulrichern nicht bekannt ist. Zu diesem seltsamen Namen hat weder eine
schneckenhausartige Verzierung in der Kapelle geführt, noch eine versteckte
Kritik an dem Tempo kirchlicher Reformen. Ursache des Namens ist einzig der enge
und steile Zugang: eine Wendeltreppe mit 44 Stufen.
So beginnt im Pfarrbrief zur Ulrichswoche 1970 ein Beitrag vom damaligen Kaplan
Matthias Prestele. Nicht immer führte die Kapelle ein verstecktes Dasein, nein
sie war als Marienkapelle Mittelpunkt einer regen Verehrung. Eine Anzahl
Votivtafeln, datiert von 1702 bis ins 19. Jahrhundert beweisen, daß unsere
Kapelle neben Hl. Kreuz und dem Kobel ein beliebtes Wallfahrtsziel war. Später
war sie noch einmal Ziel vieler Wallfahrten. J. M. Friesenegger überliefert, daß
zwischen 1892 und 1913 ca. 16000 Personen zur Schneckenkapelle pilgerten. Was
war der Grund?
Dazu muß man weiter ausholen. War in einer Familie ein krankes Kind, so war es
Sitte, daß die Eltern eine Wallfahrt zu den drei Marcellen (Markus, Marcellus,
Marcellinus) in die Kapelle in Marzellstetten bei Emmersacker machten. Als in
der Schneckenkapelle ein Gemälde entfernt wurde, entdeckte man dahinter in einer
Nische die Heiligen Jakobus, Narzissus und Simpertus, die den drei Marcellen
verblüffend ähnlich sahen (vielleicht wurden sie vom gleichen Künstler
geschaffen). Da Marzellstetten recht abgelegen war, entwickelte sich in Ulrich
eine rege Wallfahrt zu den drei Marcellen, die Ende des letzten Jahrhunderts
sogar stärker besucht war, als die Stammwallfahrt in Marzellstetten. Die Pilger
zündeten vor jedem der drei Heiligen eine Kerze an und beteten solange, bis die
erste Kerze erlosch, was über den weiteren Verlauf der Krankheit Auskunft geben
sollte. Ging die Kerze vor dem „Grauter” als erstes aus, so war
dies ein Zeichen, daß das Kind „grautet” (wieder geraten würde).
Die beiden anderen Heiligen symbolisierten den „Sterber” und den „Zehrer”,
von dem man glaubte, daß langes Siechtum am Kind zehren würde. Die schlechten
Vorzeichen bei den Letztgenannten sollten aber durch inbrünstiges Gebet wieder
zum Guten gewendet werden. Als Opfer hinterließen die Pilger gebrauchte Kindswäsche,
die an arme Kinder weitergegeben wurde.